April 18, 2011

zerstreut & wolkig

Posted in moment der bleibt tagged , , , , um 20:38 von maofatale

Frei sein. Das will sie und schaut hinauf zum Gipfel der dicken schneeweißen Wolke über ihr. Du weißt schon, diese Wolken, die neben dem blaublauen Himmel höflich ihre Existenz einfordern und sich aufbäumen und auftürmen. Frei wie diese große und wunderbare Wolke.

Sie geht ein Stückchen weiter, kickt ein paar kleine Kiesel, die ganz alleine auf ihrem Weg liegen, zurück zu ihren Brüder- und Schwestersteinchen, damit sie nicht mehr einsam sein müssen. Ganz im Sinne des Zen. Zen ist gut, denkt sie sich. Doch dies tat sie schon lange bevor sie damals mal etwas über Zen gehört hatte. Sie erinnert sich an diesen süßen Jungen aus dem hohen Norden, den Zen-Mönch, der damals, als sie mit ihm zum Englischen Garten lief echte Probleme auf dem Bürgersteig hatte. Dort waren überall Ameisen und er bemühte sich redlich, sie nicht zu zertreten. Damals filmte sie dies mit ihrem Handy und überlegt nun fieberhaft, wo sie diesen Film eigentlich abgespeichtert hatte. Ich muss das unbedingt rausfinden, bestimmt sie, und ihn mir ansehen. Ganz ganz dringend.

Sie blickt auf, fängt ihre Gedanken wieder ein, weg von den Steinchen, Zen, Mönch und Ameisen. Rein ins Hier und Jetzt. Wenn ich doch nur nicht ständig abdriften würde, ein Jammer. Oder kein Jammer?, driftete sie ab. Und blickt wieder auf. Die Fußgängerampel springt gerade auf Rot. Sie bleibt stehen. Neben ihr steht ein hübsches Mädchen. Kurze Haare. Pony kurz. Das steht ihr!, bewundert sie das Mädchen heimlich und wünscht sich, dass das bei ihr auch so gut aussähe und streicht sich ihren Pony aus den Augen. Das Mädchen bemerkt ihren Blick und lächelt sie schüchtern an. Komisch, denkt sie, warum ist es in München eine Besonderheit von Fremden angelächelt zu werden und lächelt zurück. Fasst sich ein Herz und meint: Du bist hübsch! Das Mädchen wundert sich, das sagt beinahe nie jemand zu ihr und schon gar keine fremde Frau auf der Straße.

Die beiden kommen ins Gespräch. Sie verpassen ein Grün und noch drei oder vier weitere. Das ist schön. Finden beide insgeheim. Sie vergessen, zusammen Kaffee zu trinken, sagen Good Bye und ihre Wege trennen sich als sie die andrere Straßenseite erreichen. Sie geht geradeaus weiter, das Mädchen bleibt stehen und wartet das grün nach links ab.

Der Himmel ist so schön heute!
Die dicke Wolke hat ihre Gestalt längst ein bisschen verändert.
Der Verkehr rauscht an ihr vorbei. Sie schaut allen roten Autos nach. Die sind so selten. Überall silber, weiß, schwarz. Am schlimmsten findet sie diese champagnerfarbenen. Sie blickt wieder hinauf zum Himmel, zur Wolke. Und weiß, sie wird niemals so sein wie diese gewaltige Wolke. Niemals von ihrem Gipfel aus alles überblicken können. Denn sie ist gefangen in ihren Träumen. Kann sich niemals auf Dinge konzentrieren. Niemals festlegen. Und würde wohl doch eher so sein, wäre sie wie Wolken, wie die hübschen und zerstreuten Altocumulus-Wolken.


März 14, 2010

Results of smoking Pusteblumen

Posted in fuckk, furious tagged , , , , um 21:14 von maofatale

Morgendlicher Frühnebel kriecht schäbig meine kurze Auffahrt herauf, die ich seit acht langen Jahren nicht mehr betreten habe. Misstrauisch sitze ich an meinem viktorianischen Fenster und luge unauffällig durch die Ritzen des weißen Fensterladens, dessen Farbe währenddessen weiterhin langsam abblättert.

Ich höre das Zischen des Falls eines Farbplättchens, wie es die kalte Morgenluft zerschneidet und warte auf das leise Klack des endgültigen Aufpralls, das das Plättchen in Millionen atmosphärische Staubpartikel und ein paar größere Stücke wie Leichenteile zerspringen lässt. Wegkehren werde ich die Sauerei wie immer nicht, lieber inspiziere ich tagein tagaus befriedigt den Farbsauhaufen vom kurzzeitig geöffneten Fenster aus, der zusehends wächst und hoffe darauf, noch mitzuerleben, wie dann jedes kleinste Stückchen Farbe dort unten liegt, verwittert festgewachsen, und der Fensterladen ungeschützt nackt das hübsche viktorianische Fenster vor Sonne und Regen zu schützen versucht.

Der Nebel kriecht mir eine Gänsehaut auf meinen kleidlosen Körper.
Ich hasse Morgennebel.
Wie ich ihn hasse!

Er zwingt mich tagtäglich noch vor Sonnenaufgang aus den wohligen Federn zum Fenster, um zu überprüfen, ob er aufzieht und ihn zu überwachen, damit er mir nichts tut.
Ich lasse ihn nicht aus den Augen. Für die abblätternde Farbe gebe ich zu dieser zwielichtigen Stunde nur mein Gehör frei. In all den Jahren habe ich es bis ins kleinste Detail für die verschiedensten Fallarten, unterschiedlichsten Wetter- und Windverhältnisse und all die ungleich großen Stücke geschult, nur damit ich nicht in die gefährdende Verlegenheit gerate, meinen Blick einen unbeachteten Moment vom Frühnebel abzuwenden.

Er muss bewacht werden.
Solange, bis er sich auflöst.
Danke, du aufsteigende Sonne.

Ein Horror für mich, der Herbst, mit all seinen Spätnebeln, Hochnebeln, Nachtnebeln. Stundenlanges Sitzen am viktorianischen Fenster, im dunklen Raum, den Fensterladen gut geschlossen, zum Schutze vor hämischen Nebelblicken.
Ich sehe, wie sich der Dunst nahe an mein Haus drückt. Zu nahe.
Ich habe das Bedürfnis, meinen Kragen zu lockern, es schnürt mir den Hals zu. Aber ich habe keine Kleidung an, ich kann mir keine Erleichterung verschaffen.

Panik steigt in mir auf.

Was, wenn der Nebel unter dem schmalen Türspalt ungefragt zu mir ins Haus eindringt?
Was, wenn er mit eiskalten Schwaden nach meinen schutzlosen Knöcheln greift?
Was, wenn er unsichtbar in meine Gehörgänge gleitet und ich nie wieder dem beruhigenden liebgewonnenem Schall der einsam fallenden weißen Farbplättchen lauschen kann, die dort draußen ihr waghalsiges Dasein fristen, schutzlos allem ausgesetzt, bis sie auf ihrem Haufen die ewige Ruhe finden dürfen? Ich sie nie wieder auf ihrem haltlosen Weg dorthin belauschen können werde, weil der grausame Nebel mir die sensiblen Gehörknochen zertrümmert und das weichgewordene Trommelfell verstümmelt?

Ich zittere am ganzen nackten Leibe, wie ich an allen unzähligen vergangenen Tagen gezittert habe, selbst an jenen, an welchen selbst morgens kein Nebel aufzieht. Denn ich weiß nie genau, ob ich vielleicht falsch sehe, meine Augen mir ein gefährliches Spielchen vortäuschen, eine zerstörerische illusion oder der Nebel eine neue Masche entwickelt hat und sich plötzlich unsichtbar seinen todbringenden Weg in meine Ohren bahnen könnte. Nie kann ich vorsichtig genug sein, Wachsamkeit ist das einzige, das mich retten kann.
Ich starre zur schweren Tür. Ich banne den dicken Nebel mit meinem heimlichen Blick durch die Ladenschlitze, damit er nicht weiterkriechen kann. Ich bete.

Hilfesuchend fasse ich an meine roten Ohrenschützer. Niemals nehme ich sie ab.
Niemals!
Sie sind dick… ganz dick.

Sie sind meine besten Freunde.

März 13, 2010

Morgens fünf Uhr zehn

Posted in fuckk, furious tagged , , , , , , um 11:43 von maofatale

Morgens, fünf Uhr zehn, sie drehte sich tief in ihr warmes Kissen. Ihr grauste. Keinen einzigen Gedanken wollte sie daran verschwenden.

Sie wusste nicht woran.

Doch das Gefühl blieb.
Fünf Uhr fünfundvierzig, der Wecker hatte ein paar Mal geklingelt, sie hasste diese Uhrzeit.
Das Gefühl war noch immer da. Es ließ sich nicht abschütteln. Sie hatte es versucht. Wollte es wegträumen. Doch egal an welchem Tag, egal in welchen Traum sie sich hineinschlief, es hatte noch niemals funktioniert.
Langsam kroch sie aus dem Bett, setzte ihre nackten Füße auf den kalten Holzboden, sie fror sofort. Sie überlegte, schnell dicke Socken anzuziehen, wusste aber im selben Augenblick, dass sie sich nicht dazu aufraffen könnte und ließ den Gedanken ins Endlose fallen.
Noch ganz schwindlig und wacklig auf den Beinen stützte sie sich im Vorbeigehen am Türrahmen ab und stand einen Wimpernschlag später nackt vor dem Badezimmerspiegel und sah sich an.
Das Licht war noch viel zu hell für ihre gerade erwachten Augen, sie kniff sie zusammen und wartete erst einmal ab, verharrte, bis sie sich an die Helligkeit geWöhnten. Dabei versuchte sie sich selbst im Spiegel zu mustern. Aber ihr Blick fiel immerzu auf die Kalkreste der alten Wassertropfen, die sich von Tag zu Tag mehrten und fragte sich, wann sie sich wohl durchringen könnte, die wegzuwischen und wusste sofort, das hätte noch Zeit, viel Zeit.

So stand sie noch immer nackt im Badezimmer und starrte in den Spiegel. Noch immer versuchte sie nicht daran zu denken und wusste nicht woran.

Sie drehte das Wasser auf, besser nur das Kalte, schaute dem Strahl erst eine Weile zu, versank darin. Wusch sich. Langsam wurde es besser. Das kalte Wasser tat seinen Teil, für den es da war. Ihr Kopf wurde klarer und klarer.

[Ein Auszug]